Judas küsst Jesus:
mit diesem Zeichen wurde der wohl größte Verrat der Geschichte besiegelt.
Seitdem gilt Judas als einer der meistgehassten Männer der Geschichte.
Laut Bibel ist er für die Auslieferung Jesu an den Hohepriester und seine Kreuzigung verantwortlich. Jahrhundertelang war sein Name gleichbedeutend mit Verrat und Betrug.
Er wird auch für die aufkommende christliche Judenfeindschaft haftbar gemacht. Später aber taucht eine Schrift auf, die ein positives Licht auf ihn wirft.
Wer war Judas Iskariot, ein Verräter oder ein Heilsbringer?
Die Geschichte um Judas Iskariot ist eine blutige Geschichte. Nachdem er Jesus an den Hohepriester verraten hat, gerät er, so die Bibel,
in Gewissenskonflikte und kann mit seiner Tat nicht leben. Doch seine Reue kommt zu spät: Jesus ist nicht mehr zu retten. Er wird gekreuzigt.
In seiner Verzweiflung richtet sich Judas nach dem Matthäusevangelium in der Bibel daraufhin am Vorabend der Kreuzigung selbst.
Unzählige Darstellungen in der Kunst halten diese Szene fest. Eine der ältesten ist ein Fries aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.
Die Apostelgeschichte spricht dagegen von einem Unfalltod, einem Sturz, in dessen Folge sein Bauch aufplatzte und die Eingeweide heraustraten.
Bei allem hat der Teufel seine Hände im Spiel, so das Johannesevangelium. Die Wirkungsgeschichte ist verheerend:
Heute darf in Deutschland kein Kind mehr Judas genannt werden oder auf diesen Namen getauft werden. Das geschieht im Namen des Kindswohls und das verlangt das Namensrecht.
Denn wer will schon seinen Sohn mit dem Namen Judas, also eines geldgierigen, billigen Verräters, groß werden lassen? Das ist eine viel zu große Hypothek.
Judas gilt als der Verräter schlechthin. Doch was wissen wir von ihm?
Was hat er tatsächlich mit Jesus zu tun, der in den Jahren 30-34 auf einem Hügel außerhalb der Stadt Jerusalems hingerichtet wurde?
Der jüdische Wanderprediger Jesus tritt etwa ab dem Jahr 28 öffentlich in Galiläa und Judäa auf.
Zwölf Jünger sollen zu dem engsten Kreis um Jesus gehört haben, so das älteste Evangelium nach Markus.
Judas, genannt Iskariot, soll einer davon gewesen sein. Sein Name gibt Hinweise auf seine Herkunft und Biographie:
Das Iskariot kommt möglicherweise von Sikarier. Dann wäre Judas ein Sikarier, ein Dolchmann gewesen, der gegen die Römer kämpfte.
Auch Simon Zelotes im Jüngerkreis war einer, der sich gegen die römische Herrschaft aussprach. Aber es gibt auch eine ganz einfache Lösung.
Vielleicht heißt Iskariot nur eine griechische Umschreibung des Hebräischen Isch Qerjiot. Dann wäre es ein Mensch aus dem kleinen Ort Kerioth gewesen, der bei Hazor liegt.
Aber wir wissen nicht, ob dieses kleine Dorf noch zu neutestamentlichen Zeiten besiedelt war.
Dass Judas aus der Stadt Kerioth stammte oder zu den Sikariern, einer Widerstandsgruppe gegen die Römer gehörte ist beides möglich, aber wissenschaftlich umstritten.
Sicher ist, dass er sich mit Jesus auf den Weg nach Jerusalem macht, um Pessach zu feiern.
So heißt das jüdische Osterfest, bei dem Tausende von Gläubigen zum Tempel nach Jerusalem pilgern, dem religiösen Zentrum des antiken Judentums.
Geleitet werden die Feierlichkeiten vom Hohepriester. Die Stadt wird voll gewesen sein. Um die 80.000 Menschen besagen einige Schätzungen.
Judäa war damals römisch besetzt und die Lage ist politisch so angespannt, dass auch der römische Statthalter Pontius Pilatus seinen Amtssitz in Cäsarea verlässt und nach Jerusalem kommt.
Denn es gab außer den Sikariern und Zeloten noch andere jüdische Gruppierungen, die die Römer stürzen wollten.
Der Hohe Rat, auch Synedrium genannt, ist die höchste Gerichtsbarkeit der Juden, hat aber nur eingeschränkte Rechte:
Hier regelte man alle internen Rechte, die religiösen und die sozialen untereinander.
Er konnte auch Strafen aussprechen, aber diese Strafen gingen maximal bis hin zur Steinigung und das war eine religiöse Strafe.
Natürlich kam das Synedrium auch immer wieder in Konflikt mit dem Römischen Reich, das seine Rechte beschränken wollte.
In keinem Fall war es aber in der Lage, das Todesurteil am Kreuz auszusprechen.
Die Priesteraristokratie hat ein großes Interesse daran, über die Festtage für Ruhe zu sorgen und Widerstände im Keim zu ersticken.
Denn jedes Eingreifen der römischen Besatzer gefährdet die eigene Position.
Die Jesusgruppierung ist eher moderat, das bezeugen die Texte in der Bibel. Jesus verkündigt ein Gottesreich, das er ohne Anwendung von Gewalt errichten möchte.
Er nimmt laut Bibel die Ausgestoßenen: die Armen und Unterdrückten in Schutz. Er ist für die Kranken da und auch für Kinder.
Dennoch muss Jesus dem Hohen Rat ein Dorn im Auge gewesen sein. Schließlich kritisiert er den kommerzialisierten Tempelkult aufs Heftigste und regt sich über die Tempelsteuer auf.
Den Tempelvorhof würden Geldwechsler und Händler nur nutzen, um Profit zu machen, so sein Vorwurf. Der Tempel sei „ein Haus des Gebets“ und „keine Räuberhöhle“.
Jesus wird sogar handgreiflich - und untergräbt damit die religiöse Autorität der jüdischen Elite.
Die halten ihn ohnehin für einen Gotteslästerer, denn er sieht sich als der von Gott gesandte „Menschensohn“.
Am liebsten würden sie ihn beseitigen. Aber auch Rom hält ihn für gefährlich.
Schließlich stammte er aus einer großen Familie, nämlich die des berühmten Königs David.
Und er hatte vorhergesagt, dass der gerade neu erbaute Tempel sehr bald wieder eingerissen werde.
Schließlich hat er auch noch einen großen Eklat auf dem Tempelberg fabriziert, indem er die Einnehmer der Tempelsteuer attackiert hatte und deren Tische umgeworfen hatte.
Das vergaßen ihm die Römer nicht.
Was dann geschieht, darüber berichten die Autoren der Evangelien unterschiedlich. Laut Markus soll Judas Jesus vor dem Hohen Rat angeprangert haben.
Damit bietet er den Tempelpriestern die Gelegenheit, nach der sie gesucht haben, nämlich Jesus an sie auszuliefern.
Laut Markus erhält Judas dafür Geld vom Hohen Rat. Nach Matthäus soll er das Geld sogar gefordert haben: 30 Silberlinge.
Die 30 Silberlinge sind wahrscheinlich nicht historisch, denn es ist ein erschreckend geringer Betrag, für den man einen Menschen ausliefert.
Es sind gerade mal drei bis vier Monatslöhne eines Tagelöhners oder der Preis für einen Sklaven nach dem Exodusbuch.
Man kann sich gut vorstellen, dass dieser Preis in das Neue Testament hineingerät, um zu verdeutlichen, wie geringschätzig Judas den Jesus ansah und wie er ihn minderwertig verkaufen wollte.
Da die Kaufkraft von 30 Silberlingen für damalige Verhältnisse sehr gering war, ist es unwahrscheinlich, dass sich der Verrat so zugetragen hat.
Ob Judas von den Tötungsplänen des Hohen Rates wusste, wird nicht überliefert.
Die Texte in der Bibel sind keine Berichte von Augenzeugen. Sie interpretieren Judas im Nachhinein, als Jesus bereits gestorben und nach ihrem Glauben auferstanden ist.
Sie sind also von einem religiösen Interesse geleitet.
Die vier Evangelien sind zwischen 70 und 120 n. Chr. entstanden. Sie beruhen auf mündlichen Traditionen, die bis ins Jahr 40 zurückreichen. Markus ist der älteste Evangelist.
Die anderen haben sich an ihm orientiert. Daher ähneln sich die beschriebenen Szenen über Judas, doch die Kernaussage ändert sich mit der Zeit:
Beim ältesten Evangelium, bei Markus, 30 Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben, haben wir noch überhaupt kein Motiv, warum Judas den Jesus verriet.
Zehn Jahre später lesen wir dann schon bei Matthäus, es war wegen Geldgier.
Und der etwa gleich in der gleichen Zeit geschriebene Lukas sagt, ja, da war der Teufel im Spiel, der ist in den Judas Iskariot gefahren.
Viel später, 60 Jahre später im Johannesevangelium, liest sich das so, dass Jesus immer der Herr des Verfahrens war.
Die Evangelien muss man in ihren historischen Zusammenhängen analysieren. Sie wurden verfasst, nachdem die ersten christlichen Gemeinden entstanden sind.
Anhand der Judasgeschichte wollen sie ihre Gemeinden religiös belehren und schmücken dafür die Person Judas zunehmend aus.
Mit Judas warnt Matthäus zum Beispiel seine Gemeinde vor Geld- und Habgier.
Lukas will verdeutlichen, dass sich der Teufel seine Werkzeuge aus dem innersten Kreis der Gemeinde holen kann.
Zunehmend lässt sich eine Dämonisierung der Judasgestalt ablesen, wie sie dann in späterer Zeit üblich wurde. Dennoch lassen sich Einzelheiten der Passionsgeschichte herausfiltern.
Folgt man den drei ersten Evangelien soll es ein letztes gemeinsames Mahl von Jesus mit seinen Jüngern und Judas gegeben haben.
Das hat zur Zeit Jesu einen historischen Kern, denn an Pessach ist es üblich, dass die Pilger gemeinsam essen.
Es entspricht der jüdischen Tradition, dem Sedermahl und wird am ersten Abend des Pessachfestes mit Brot und Kelch gefeiert.
Die um etwa 50 n. Chr. schriftlich überlieferten Einsetzungsworte Jesu nehmen auf das letzte gemeinsame Mahl Bezug.
In ihnen deutet Jesus Brot und Wein als Zeichen für seinen Leib und sein Blut und verbindet damit die Ankündigung seines bevorstehenden Todes sowie die Stiftung des neuen Bundes.
Zugleich erteilt er den Auftrag, dieses Mahl zu seinem Gedächtnis zu feiern.
Nach Ostern wird Jesu „letztes Abendmahl“ für seine Jünger und die ersten Christen zu einem zentralen religiösen Ritus, der bis heute besteht.
In Erinnerung daran, wird in Jerusalem der Abendmahlssaal verehrt.
Der heute verehrte Abendmahlsort ist archäologisch überhaupt nicht zu verifizieren.
Selbst wenn wir alle Häuser aus dem jesuanischen Jerusalem kennen würden, sind die Beschreibungen der Evangelien so vage, dass wir nicht wüssten, wo der wirkliche Ort je gewesen ist.
Auch wenn der bis heute verehrte Abendmahlssaal über dem Davidgrab nicht historisch ist: er unterstreicht Jesu große religiöse Bedeutung.
Für seine Anhänger steht Jesus in der Nachfolge von König David und wird als der erwartete Messias verehrt.
Laut Matthäus hat Judas das aber nicht erkannt. So legt er Judas die Anrede „Rabbi“ in den Mund.
Offenbar gilt Judas dem Evangelisten bereits als Außenstehender. Die anderen Jünger reden Jesus mit „Herr“ an.
Außerdem soll Jesus von Judas Tat gewusst haben: Einer wird gehen und „mich verraten“, soll er gesagt haben.
Das griechische Wort „paradidomi“, das die Evangelien benutzen, bedeutet so viel wie übergeben und ausliefern.
Und es bezeichnet die Tat des Judas, dass er diesen Jesus an die Tempelpolizei ausgeliefert hat, ihn physisch übergeben hat.
Angeblich ist Jesus nicht überrascht über die Machenschaften seiner Gegner, d.h. er weiß, dass Judas ihn ausliefern wird, dass er leiden und sterben muss.
Dies wird in der historischen Wissenschaft so eingeordnet: Hier warnt der Verfasser des Markusevangeliums Jahrzehnte nach Jesu Tod seine Gemeinde:
Sie könnten durch ihre eigenen Familienmitglieder an die staatlichen Behörden ausgeliefert werden und zu Tode kommen. Also Verrat aus den eigenen Reihen, wie bei Judas.
Die Passionsgeschichte mit Judas dient hier als Folie für die aktuelle Situation 70 n.Chr.
Denn nach dem jüdischen Aufstand gegen die römische Herrschaft wird Jerusalem von den Römern zerstört und Juden, wie Christen im Römischen Reich verfolgt.
Seine letzte Nacht in Freiheit soll Jesus mit Judas und seinen Anhängern in Gethsemane, am Fuße des Ölbergs, verbracht haben.
Hier soll Judas Jesus an die Tempelpolizei ausgeliefert haben. Unabhängige Quellen gibt es hierfür nicht.
Im biblischen Kontext wird diese Situation jedoch zur Schlüsselszene: Judas führt die Häscher zu Jesus und denunziert ihn durch einen Kuss als die gesuchte Person.
Danach wird Jesus in Fesseln abgeführt und 48 Stunden später ist er tot. Aber warum dieser Verrat? Warum liefert Judas Jesus aus?
Über die Motivation des Judas können wir nur spekulieren. War es Ehrgeiz? Wollte er sich aus seiner Gruppe hervorheben?
Oder war es nicht vielmehr so, dass er als Sikarier darauf aus war, dass Jesus sich jetzt endlich manifestiert und die Römer davonjagt?
Er war triumphal nach Jerusalem eingezogen, nun tat er nichts. Nun wollte offensichtlich Judas ihn vor die Wahl stellen:
„Du wehrst dich jetzt, du kämpfst gegen die Römer. Ich bringe jetzt den Stein ins Rollen und wir haben bald das Friedensreich hier. Oder du bist der falsche Messias.“
Die Motivlage bleibt unklar. Im theologischen Diskurs wird auch diskutiert, ob Judas als bester Freund und Vertrauter von Jesus nicht eine Heilsrolle zukommt,
denn ohne ihn wäre Jesus nicht gekreuzigt worden und letztendlich auch nicht auferstanden von den Toten. Er hat ihn also „übergeben“ im besten Sinn.
Diese Argumentationskette findet sich jedoch nicht bei den Evangelien Sie taucht erst später im sogenannten Judasevangelium auf.
Laut Evangelien verhört der Hohe Rat Jesus zunächst unter Anführung des Hohepriesters. Die Hauptanklage lautet: Gotteslästerung.
Sie sorgen dafür, dass Pontius Pilatus Jesus den Prozess macht und verlangen die Todesstrafe wegen Unruhestiftung und Anmaßung des Königtitels.
Der römische Statthalter soll Jesus laut Evangelien zunächst für unschuldig gehalten haben, beugt sich aber dem Drängen der jüdischen Ankläger und erlässt das Todesurteil.
Wie schuldig ist Judas also am Tod Jesu?
Judas war im Prozess um Jesus nicht involviert, er war weder Ankläger noch Zeuge. Es war ein rein römischer Prozess vor dem Präfekten Pontius Pilatus.
Das Todesurteil wird in drei Sprachen verkündet. Latein, Griechisch und Aramäisch. Wir kennen es als Inri: Jesus Nazarenos Rex Iudeorum.
Und das heißt so viel wie Jesus der Nazarener, der sich als König ausgegeben, und das basileus im Griechischen lässt sich als Aufstandsführer lesen,
der sich als Aufstandsführer der Judäer erwiesen hat. Und dann ist völlig klar, warum Jesus auch zu Tode verurteilt wird, denn er war ein Aufständiger.
Jesus wird von den Römern nicht aus religiösen Gründen ans Kreuz geschlagen, sondern aus politischen.
Denn er gilt ihnen als gefährlicher Aufrührer, der die Autorität der Besatzungsmacht untergraben will.
Wäre Jesus aus religiösen Gründen getötet worden, dann wäre die Todesart eine Steinigung gewesen.
Judas hat Jesus also vielleicht ausgeliefert, mit seinem Tod aber hat er nichts zu tun.
Wie sieht es mit der These aus, dass Judas kein Verräter, sondern der beste Jünger mit den besten Absichten war?
Diese These vertritt das Judasevangelium. Für Jahrhunderte galt die urchristliche Schrift als verschollen. Vor knapp 50 Jahren ist sie wieder aufgetaucht im Niltal in Mittelägypten.
Grabräuber haben das Evangelium in einem Hügel entdeckt, gebündelt mit drei anderen Papyrushandschriften. Das Original war wahrscheinlich in Griechisch verfasst.
Die Papyrushandschrift ist koptisch, die Sprache der ägyptischen Urchristen. Der Verfasser ist allerdings unbekannt.
Es handelt es sich um eine Sammlung von fiktiven Dialogen zwischen Jesus und seinen Jüngern. Sie lassen Judas in anderem Licht erscheinen als die Evangelien:
Als 2001 das in die Hände seriöser Wissenschaftler geriet, hat man verstanden, dass das eine Abschrift des Judasevangeliums in griechischer Sprache aus dem zweiten Jahrhundert war. Nicht etwa der Judas selber schreibt, sondern hier schreiben Philosophen, Gnostiker, das, was sie über Judas denken.
Und das war, dass er der einzige Mensch ist, der Jesus wirklich verstanden hat und insofern ein Rädchen im Getriebe des Heilsplans war.
Judas wird als enger Vertrauter und Freund Jesu beschrieben, der mehr Kenntnisse über ihn hatte als alle anderen Jünger. Er wird als Heilsbringer dargestellt.
Ohne ihn wäre die Kreuzigung nicht möglich gewesen, die für die Erlösung wichtig ist, so das Judasevangelium.
Nur durch sein Handeln habe Jesus im Tod die leibliche Hülle verlassen und zum göttlichen Reich zurückkehren können.
Wörtlich heißt es: „Du wirst sie alle übertreffen, denn Du wirst den Mann opfern, der meine Hülle ist.“
Demnach hat Jesus den Verrat durch Judas gewissermaßen gebraucht, damit er von den Toten auferstehen konnte.
Das Judas-Evangelium liefert keine neuen historischen Erkenntnisse. Es stammt aus dem 2. Jahrhundert und ist von einer Philosophie durchdrungen, die der Gnosis.
Das heißt, eines dualistischen Weltbildes, dunkel, hell, Leib, Gottmensch.
Und es dient einfach der philosophischen Durchdringung und nicht etwa der Darstellung dessen, was in biblischer Zeit in Jerusalem passiert ist.
Das Judasevangelium ist aus einer anderen theologischen Schule entstanden als die biblischen Evangelien: nämlich aus der sogenannten Gnosis.
Das ist griechisch und heißt übersetzt: Erkenntnis. Sie ist eine philosophische Denkrichtung, die die griechische Welt auch außerhalb des Christentums beeinflusste.
Zu ihr gehört ein Schöpfungsmythos, wonach die Welt in Erleuchtete und Nicht-Erleuchtete eingeteilt wird. Judas ist demnach ein Mensch, der besondere Erkenntnisse über Gott und die Welt hat.
Die Gnostiker sind eine bedeutende Strömung in der frühen Kirche. Ihre Schriften werden während der Kanonisierung, d.h. der Festlegung des Neuen Testaments,
von Irenäus, einem führenden Bischof und Kirchenlehrer im 2. Jahrhundert n.Chr. allerdings zur Irrlehre erklärt. Die vier Evangelien dagegen werden in die Bibel aufgenommen.
Das Judas-Evangelium wurde deshalb nicht in das Neue Testament aufgenommen, weil es eine gnostische Schrift war
und auch andere Evangelien wie die der Maria, des Philippus oder Thomas erlitten das gleiche Schicksal.
Es war jung und es sagte uns nichts aus über Judas selbst oder über Jesus. Außerdem war im zweiten, dritten Jahrhundert das Judas-Bild bereits so negativ,
dass der Versuch, ihn positiv darzustellen, schon sehr unangenehm im Christentum war und deshalb nicht mehr akzeptiert wurde.
Die Judasdarstellungen in den Evangelien werden zur Glaubensgrundlage für die frühchristliche Kirche. Und die werden zunehmend diffamierender.
Je nach Alter der Evangelien ist eine Dynamik erkennbar: Bei Matthäus wird er ein habgieriger Gauner, obwohl Markus im ältesten Evangelium nur seine Auslieferung an den Hohe Rat schildert.
Im Lukasevangelium, das auf 100 n. Chr. datiert wird, fährt der Satan in Judas. Das Johannesevangelium als jüngste Schrift schildert ihn noch drastischer: Judas ist ein Teufel.
Das passt wunderbar auf das Bild des Judas, das man hatte und das man täglich erlebte, als man in Gefahr gegen das Heidentum
und bei der Abgrenzung gegen Judentum seinen eigenen Weg finden musste. Judas wurde zum Sündenbock, der die eigene Gemeinde, die eigene Gruppe gefährdete.
Die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung im Jahre 70 n. Chr. wird unter den ersten Christen,
besonders bei Matthäus und Lukas, als Strafe Gottes gegenüber dem Volk Israel für ihre Ablehnung Jesu verstanden.
Schließlich haben die Juden den Wanderprediger und Wundertäter aus Galiläa nicht als Messias und Sohn Gottes erkannt.
Seitdem setzt sich, später auch in der frühen Kirche die Ansicht durch, dass nicht die Römer für den Tod Jesu verantwortlich gewesen seien, sondern ausschließlich die Juden.
Das entbehrt jeglicher historischen Grundlage, denn allein die Römer konnten das Urteil fällen.
Doch Judas wird schon aufgrund seines Namens zum personifizierten Juden, dem alles, was mit dem Tod und der Hinrichtung Jesu zu tun hat, angehängt wird.
Über die Figur des Judas entsteht unter Kirchenlehrern und Bischöfen ein kirchlicher Antijudaismus, der über die Jahrhunderte desaströse Auswirkungen hat.
Im 2. Jahrhundert wird das Schicksal des Judas auf das ganze Judentum ausgeweitet.
Sie sind nach Melito von Sardis die Gottesmörder und Judas ist ihr wichtigster Vertreter, geldgierig und er ist der Verräter.
Selbst große Kirchenväter wie Augustinus behaupten, das Schicksal des Judas sei auch das Schicksal des Judentums, weil sie nicht zur Umkehr bereit wären.
Das Bild des Judas ist zusammengeschmolzen mit dem Judenhass der frühen Christenheit zu einem ganz negativen Bild.
Das ist allerdings eben kein historisches Bild, sondern wir müssen immer noch davon ausgehen, dass die Hinrichtung Jesu aus politischen Gründen erfolgte.
Die negative Vorstellung von Judas wird dann zur Grundlage für den Judenhass, der sich im Mittelalter in Europa zunehmend verbreitet und abscheuliche Verbrechen hervorbringt:
Synagogen werden geschändet und zerstört. Juden verfolgt und getötet.
Auch der moderne Antisemitismus bedient sich christlicher Denkweisen. Judas wird zum Prototyp des Bösen und mit ihm das jüdische Volk insgesamt.
Die nationalsozialistische Propaganda nutzt den kirchlichen Antijudaismus für ihre Vorurteile und Verleumdungen.
In einer „Theologie nach Ausschwitz“ haben sich die Kirchen nach dem Krieg von ihren Verfehlungen gegenüber den Juden distanziert und ihre eigene Schuld bekannt.
Heute wird „Judas“ in der Theologie nicht mehr als „der verächtliche Jude“ pauschalisiert, sondern als individuelle Person in ihrem historischen Kontext betrachtet und analysiert.
Die Frage, was sich im Vorfeld von Jesu Tod abgespielt hat und warum Judas so handelte,
ob er das Geld sogar zurückgeben wollte, kann die theologische Wissenschaft aber bis heute nicht zweifelsfrei klären.
Über die Motive wissen wir ehrlicherweise nichts. Sein Bild wurde aber später überlagert mit ganz vielen Überlieferungen.
Der Teufel ist ihn gefahren, er war geldgierig, er war Jude und deshalb muss er ja schon ein schlechter Mensch sein.
Der ganze Anti-Judaismus ist in sein Bild mit hineingekommen. Das ist aber alles spätere Interpretation.
In Wirklichkeit ist aber Jesus in einem politischen Prozess der Römer vermutlich wegen Aufruhr hingerichtet worden.
Historisch gesehen ist Judas am Ende nicht für den Tod Jesu verantwortlich. Welche Motive er hatte ihn auszuliefern, darüber wird seit Jahrhunderten spekuliert.
Unabhängige Quellen gibt es dazu nicht. Und so bleibt Judas ein Rätsel der Geschichte.
Was verbindet ihr mit Judas? Schreibt es gerne in die Kommentare. Und wenn Euch das Video gefallen hat, lasst ein Abo da.