Herbst 1944. Der 2. Weltkrieg ist für die Alliierten so gut wie gewonnen. Da erreichen unheilvolle Neuigkeiten die Amerikaner.
Alan Dulles – der Chef des amerikanischen Geheimdienstes OSS in der Schweiz – erhält Informationen über geheime Vorgänge im Alpenraum.
Die Nazis sollen sich dort für ein letztes Gefecht gegen die Alliierten vorbereiten.
„Man kannte ja inzwischen Hitler und den Fanatismus der SS, die damals die stärkste Kraft in Deutschland war und beschloss, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.“
Der Verdacht: eine Bastion tief in den Alpen, von der aus das Nazi-Regime den Krieg noch jahrelang weiterführen könnte.
„Das war eine schreckliche Vorstellung, stellte einen Albtraum dar für die alliierten Militärstrategen und deshalb hatten diese Meldungen ein besonderes Gewicht.“
Hunderttausende fanatische Kämpfer der Waffen-SS und der Wehrmacht, geheime Waffenlabore,
unterirdische Produktionsstätten und modernste Kriegstechnologie sollen sich hier in bombengeschützten Anlagen befinden.
Dazu: riesige Vorratslager mit Lebensmitteln und Treibstoff, ausreichend für Monate, vielleicht sogar Jahre des Widerstands.
Eine Festung, in die sich die Elite im Zweifelsfall zurückziehen kann.
Was ist dran an der Alpenfestung? Sind die Informationen über die Pläne der Nazis wahr? Oder sind sie nur geschickte Propaganda zur Täuschung der Alliierten?
Zu dem Zeitpunkt, als die Amerikaner nervös über die Alpenfestung nachdenken, gibt es von deutscher Seite keinerlei Planung für eine solche Alpenstellung.
Der Zufall will es, dass der Gauleiter von Tirol-Vorarlberg, Franz Hofer, im September 1944 eine Kopie des amerikanischen Geheimdienstberichtes erhält.
Hofer erkennt die strategische Chance. Am 3. November 1944 beantragt er in einem Memorandum an Hitler den massiven Ausbau der Alpenstellungen.
„Die Alpenfestung muss man natürlich im Kontext des Kriegsendes sehen. An allen Fronten schwindet der Spielraum, der militärische. Die Nachschublinien sind immer kürzer.
Und es ist aus Sicht des nationalsozialistischen Regimes natürlich notwendig, irgendwo die Kräfte zu konzentrieren, wo man es gut verteidigen kann.“
Doch Hofers Vorschlag findet bei Hitler zunächst kein Gehör. Erst kurz vor Kriegsende, am 29. April 1945, wird Hofer doch noch zum Reichsverteidigungskommissar für die „Alpenfestung“ ernannt.
Währenddessen beginnt in den USA eine Welle von Veröffentlichungen und die Gerüchte über die Festung dringen an die amerikanische Öffentlichkeit.
Die Existenz der Alpenfestung wird nicht angezweifelt.
„Es war die Rede davon, dass Himmler mit seinem Planungsstab nach Hallein im Salzburger Land umzieht.
Hitler selbst sollte sich auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden zurückziehen. Das ist sozusagen der Torpunkt für die Alpenfestung aus deutscher Seite aus.“
Joseph Goebbels nutzt die angebliche Alpenfestung, um ein „Propagandamärchen“ zu schaffen.
Gezielt verbreitet er Informationen über das vermeintliche Projekt, um Feinde zu täuschen. Ein eigenes Pressereferat sorgt dafür, dass die Gerüchte nicht verstummen.
Über den Sicherheitsdienst der SS werden technische Daten und gefälschte Baupläne an feindliche Agenten gespielt.
Und im Februar 1945 beginnen die Nazis an der Südgrenze zur Schweiz mit Bauarbeiten an Befestigungsanlagen.
Das soll der alliierten Luftaufklärung Beweismaterial für die Alpenfestung liefern.
Auf der Suche nach bombensicheren Orten für die Rüstungsindustrie werden ab 1944 einzelne Fertigungsstätten in die Alpenregion verlegt –
Unabhängig von vermeintlichen Plänen für eine Alpenfestung.
So zum Beispiel in Hallein bei Salzburg. Der sogenannte „Grillstollen“ ist eine Bunkeranlage – tief in den Berg gebaut.
Hier werden verschiedene Flugzeugteile, wie etwa Steuergeräte und Motoren gefertigt.
Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge müssen für die SS die gigantischen Stollenanlagen in die Berge treiben und dort die Bauteile für Flugzeuge oder Raketen montieren.
So auch bei Linz im Stollen mit dem Codenamen „Bergkristall“.
Ab 1944 errichten hier Häftlinge des KZ Gusen II in nur 13 Monaten eine der größten und modernsten unterirdischen Produktionsanlagen des Reiches.
Noch während des Baus beginnt hier, sicher vor alliierten Luftangriffen, die Produktion des Düsenjägers Me 262.
Dieser wird von den Nazis als sogenannte „Wunderwaffe“ gehandelt. Bei Düsenantrieben sind die Nazis den Alliierten weit voraus.
Auch eine der ersten Interkontinentalraketen, die V2, gilt als Wunderwaffe. Sie wird in Norddeutschland entwickelt
und sollte sie bald auch von mobilen Rampen aus dem Gebirge gestartet werden können, wären die Alpen für die Alliierten fast uneinnehmbar.
Hitlers Ingenieure, darunter der Raketenwissenschaftler Wernher von Braun, arbeiten stetig an der Konstruktion neuartiger Waffen.
Auch die Ingenieure sollen sich mit ihren kriegswichtigen Projekten in die Alpen zurückziehen. Ein Mitarbeiter erinnert sich:
„Von Braun wurde befohlen, in die Alpen zu kommen. Wir hatten also einen offiziellen Auftrag, wir sind also nicht geflohen, sondern es war unsere Aufgabe,
in die Alpenfestung zu gehen, nach Süddeutschland. Und der ursprüngliche Plan war ja, an dem wir nie geglaubt haben, dort weiter V2s zu bauen.“
Doch nicht nur der Rüstungsbetrieb soll in den Alpen sicher sein. Auf ihrem Raubzug durch Europa beschlagnahmen die Nazis Kunst.
„Kunstschätze werden von überall aus dem Reich dorthin weitertransportiert.
Also man hat offensichtlich die Idee, dass man auch Geld braucht für die Zeit danach, dass man möglicherweise auch sich eventuell da freikaufen könnte.“
Bereits 1943 wird eine beachtliche Sammlung von Raubkunst in einem Salzstollen im Salzkammergut untergebracht. Sie ist für Hitlers „Führermuseum“ in Linz vorgesehen.
In den letzten Kriegstagen werden auch Wertsachen aus der Reichsbank auf Züge geladen und Richtung Alpenland geschickt.
„Ich glaube, es ist einmalig in der Geschichte, dass so unschätzbar große Werte in so kurzer Zeit in einer bestimmten Region konzentriert worden sind.“
Bei geheimen nächtlichen Transporten vergraben Gebirgsjäger Gold und Devisen aus der Reichsbank in der Nähe von Garmisch.
Um die Seen des Salzkammerguts ranken sich bis heute Schatzgeschichten.
Zum Kriegsende sollen Soldaten im Toplitzsee Kisten versenkt haben. Das Nazi-Gold beflügelt seitdem die Fantasie vieler Schatzsucher.
Doch nicht nur für Kunst und Gold sollen die Alpen ein sicheres Versteck sein. Auch viele Nazis wollen gegen Kriegsende hier untertauchen.
Die Berge sind für einige Akteure des Regimes ein naheliegender Rückzugsort in ein sicheres Gebiet.
Hochrangige Vertreter des NS-Regimes, vor allem der SS, schicken ihre Familien schon frühzeitig in die geschützten Bergregionen.
Aber auch die Kinder des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels werden schon im Sommer 1941 am Grundlsee zur Volksschule geschickt, um vor den Bombenangriffen geschützt zu sein.
„Insbesondere die kleinen Ortschaften rund um die Seen, also Bad Ischgl, Bad Aussee, sind die Bereiche,
wo eben Angehörige von SS-Offizieren schon recht frühzeitig untergebracht worden sind. Ich möchte fast sagen, geparkt worden sind, aber ganz strategisch.“
Im Salzkammergut vermuten die Alliierten das Zentrum der vermeintlichen Alpenfestung. Tatsächlich versuchen im Frühjahr 1945 mehrere ranghohe Nazis, hier unterzutauchen.
Darunter auch Ernst Kaltenbrunner, der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, eines der zentralen Unterdrückungsorgane im Dritten Reich.
Ende März 1945 verhandelt er als Sicherheitschef für Süddeutschland noch mit der Industrie über die Errichtung weiterer unterirdischer Produktionsstätten.
Auch der SS-Obersturmbannführer Otto Skorzenyzieht zieht sich mit ein paar Hundert Mann ins Herz der Alpenfestung zurück.
„Auch er findet sich dort wieder und ihm gelingt es dann, zwei seiner Kommandokompanien von der Ostfront abzuziehen. Skorzeny soll dann ein Alpenschutzchor aufbauen.“
Skorzeny will alle letzten Kräfte bündeln und setzt auf weitere Gefechte in den Alpen, um das Ruder für die Nazis doch noch herumzureißen.
Die Alpenfestung ist sowas wie die allerletzte Hoffnung für die allerletzten Krieger, also diejenigen,
die wirklich bis zur letzten Patrone kämpfen wollen, die nicht einsehen, dass der Krieg verloren ist.“
Auch der „Organisator des Holocaust“ flieht vor den Panzern nach Altaussee: SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann.
Mit einigen Mitarbeitern will er sich hier verstecken und der Gefangenschaft durch die Alliierten entgehen.
Es ist nicht klar, ob sich die hochrangigen Nazis aus Verzweiflung oder dem Glauben an die Existenz der Alpenfestung in die Alpen zurückziehen.
In jedem Fall ist es hier vorerst sicherer als in der Großstadt.
Die amerikanischen Truppen stehen währenddessen bereits tief in Bayern. Am 30. April 1945 wird München befreit.
Die Alliierten haben zu diesem Zeitpunkt längst die Luftherrschaft über Deutschland. Doch die Sorge um einen zermürbenden Gebirgskrieg treibt die Amerikaner um.
US-Truppen sind nur noch wenige Tage von Berlin entfernt,
als der Oberkommandant der alliierten Streitkräfte Dwight D. Eisenhower plötzlich die Stoßrichtung eines Großteils seiner Truppen ändert – Richtung Süden.
Die Geheimdienstberichte über die vermeintliche Alpenfestung sind zu beunruhigend, um sie zu ignorieren.
„Verhindern, dass die Deutschen ihre Truppen und ihr Material in den Alpen konzentrieren können. Das ist Eisenhowers Ziel.
Denn wie lange würde es dauern, hunderttausende bis an die Zähne bewaffnete Nazis in den Bergen zu besiegen? Keiner wusste das.“
Von zwei Seiten nähern sich die Alliierten der Region, in der sie die Alpenfestung vermuten. Einmal von Norden durch Bayern und von Süden durch Italien.
In Italien kapitulieren die deutschen Truppen am 2. Mai 1945. Die anschließenden Verhandlungen mit den Alliierten, genannt „Operation Sunrise“,
werden ausgerechnet von einigen hochrangigen SS-Offizieren eingefädelt. Darunter Karl Wolff, der Waffen-SS-General, zuständig für die Italienische Besatzungszone.
„Die Gruppe von SS-Männern, angeführt von Himmlers ehemaligem Stabschef Karl Wolff, hatte Botschaften an Alan Dulles in Bern geschickt.
Dulles war der am wenigsten geheime Geheimagent in Europa. Jeder wusste. Wenn du eine Botschaft an den Westen schicken willst, sprich mit Alan Dulles.
Dulles war am Anfang schockiert. Warum wollen die mit mir reden? Der Grund war, Karl Wolff dachte nicht an die Zukunft Deutschlands. Er dachte an die Zukunft von Karl Wolff.
Er war an der Deportation der italienischen Juden nach Auschwitz beteiligt. Er musste etwas anbieten, um sich zu retten. Und was er anbot, war der Schlüssel zur Alpenfestung.“
Es ist die kampflose Übergabe der südlichen Grenze des Reiches.
Die Alliierten können nun über den Brennerpass ungehindert vorstoßen. Ins Herz der gefürchteten Alpenfestung.
Doch die gigantischen Anlagen, ein letztes Bollwerk fanatischer Nazis mit Ressourcen für einen zermürbenden Gebirgskrieg gibt es nicht.
„Die Alpenfestung ist natürlich auch ein gigantischer Bluff. In dem Moment, wo ihre Verhandlungspartner glauben,
dass es diese Alpenfestung gibt, können sie ja ganz anders verhandeln. Aus Sicht von Karl Wolf und Operation Sunrise war das eine ganz feine Sache.“
Karl Wolff bleibt durch seine geschickten Verhandlungen von den Nürnberger Prozessen verschont.
Die Alpenfestung: Eine Mischung aus Selbstbetrug und Propaganda. Auch, um die eigenen Soldaten und die Bevölkerung an den Endsieg glauben zu lassen.
Es ist das Ende des nationalsozialistischen Regimes – und das Ende der vermeintlichen Alpenfestung.
Keine uneinnehmbare Bastion und kampfwillige Elitetruppen sondern: Soldaten, die sich problemlos gefangen nehmen lassen.
Und bis auf ganz wenige Ausnahmen noch nicht einmal der befürchtete Guerilla-Krieg.
„Selbst die Waffen-SS-Truppen, die sich also nach Österreich zurückziehen, da kapitulieren, denen steht nicht mehr der Sinn nach einem letzten heroischen Gefecht.
Dann geht es wirklich nur noch darum, dass die Kriegsverbrecher versuchen, ihren Kopf zu retten. Eine Alpenfestung gibt es nicht mehr. Sie versuchen, im Alpenraum unterzutauchen.“
Wie viel Hitler über den Stand der Alpenfestung wirklich weiß, ist unklar.
Möglicherweise glauben manche Nazis selbst an das eigene Lügengerüst und fliehen daher am Ende in die Berge.
Wer den Siegern etwas zu bieten hat, versucht mit den Alliierten zu verhandeln. So auch Werner von Braun und seine Mitarbeiter.
Bei Garmisch gehen sie in Gefangenschaft. Ihnen winken Freifahrkarten in die USA und ein neuer Arbeitgeber.
„Ich glaube es war kein großes Problem für ihn, es war auf jeden Fall kein großes Problem für mich. Ich sah die Vorteile, dass man hier weiter an Raketen arbeiten konnte,
unter verhältnismäßig guten Bedingungen, während in Deutschland ja für viele Jahre praktisch nichts los war.“
Diejenigen, denen eine Verurteilung droht, versuchen unterzutauchen und zu fliehen.
Adolf Eichmann etwa schafft es, sich auf einer Alm zu verstecken, nach Argentinien abzusetzen und sich so einer Strafverfolgung zu entziehen. Vorerst.
Andere scheitern beim Versuch, unter falschem Namen zu verschwinden. So Ernst Kaltenbrunner, der in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt wird.
Auch Otto Skorzeny wird von den Amerikanern gefasst und inhaftiert.
Nach dem Krieg bergen die Alliierten immer mehr Gold und Schätze in der Region.
Allein die Kunstwerke im Salzbergwerk Altaussee werden damals auf 3,5 Milliarden Dollar geschätzt.
Am 7. Juni 1945 findet eine Gruppe GIs den Goldschatz aus der Reichsbank, der bei Garmisch-Partenkirchen hastig vergraben worden war.
Es sind 728 Barren Feingold, ein Wert von über einer Milliarde Euro heutzutage.
Das Gold kommt nach Frankfurt in eines der amerikanischen Sammellager für wiedergefundene Schätze
und wird später an seine rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben oder für Wiedergutmachungszahlungen verwendet.
Wie hoch insgesamt der Wert aller Schätze war, die in die Alpenfestung geschafft worden waren, weiß niemand genau.
Und das Nazi-Gold in den Bergseen? Experten durchsuchen sie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder. Sie finden haufenweise Bargeld.
Doch es sind falsche britische Banknoten, mit denen im Zuge der Aktion „Bernhard“ die britische Wirtschaft überschwemmt werden sollte. Angefertigt von Geldfälschern aus dem KZ Sachsenhausen.
Es sind Überbleibsel der größten bekannten Geldfälschungsaktion der Geschichte.
„Viele Schätze wurden in den 40er Jahren sichergestellt, aber eine Menge ist ganz einfach verschwunden.
Einiges wurde gestohlen, aber etwas kann immer noch da sein, wo es versteckt worden ist, und vielleicht findet es jemand eines Tages.“
Bei Kriegsende bieten die Alpen ein attraktives Versteck für die Beute der Nazis und auch einige ranghohe Regimevertreter.
Eine Alpenfestung, wie sie die Alliierten befürchten, hat es jedoch nie gegeben.
„Es gibt diese Alpenfestung in der Fantasie und es gibt sie in der Planung.
Es war aber nie voll funktionstüchtig und es war auch nie die Verteidigungsbastion, die sich die Nationalsozialisten erhofft hatten. Aber es war ein Faustpfand.
Man konnte damit mit den Alliierten verhandeln. Also Goebbels war natürlich sehr daran gelegen, diese Alpenfestung so stark zu propagieren,
auch in der Öffentlichkeit immer wieder darauf hinzuweisen, Hitler in Reden darauf hinweisen zu lassen, dass nicht nur die eigene Bevölkerung,
sondern eben auch die Alliierten glauben mussten, dass das alles so gut wie fertig ist und alles schon eingerichtet ist.“
Die letzte Verteidigungsstellung in den Alpen war ein Phantasiegebilde, ein Propagandakonzept der Nazis.
Doch warum hält sich der Mythos einer Alpenfestung bis heute? Was meint ihr? Schreibt es uns in die Kommentare. Und für mehr Geschichte, abonniert diesen Kanal.